Kopfweiden und Waldmoore – Kulturlandschaft und Klimaschutz am Beispiel des Biosphärenreservats Flusslandschaft Elbe

Landschaftsentwicklung und Geschichte des BR

Einleitung

Das Ende 1997 von der UNESCO anerkannte, länderübergreifende Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe„ ist mit ca. 342.848 ha das größte im Binnenland gelegene Biosphärenreservat (BR) in Deutschland. Es erstreckt sich über einen ca. 400 Kilometer langen Stromabschnitt der Mittelelbe und repräsentiert eine der letzten naturnahen Stromlandschaften Mitteleuropas. Die Elbe ist hierbei das prägende Element sowohl für die Natur- als auch die Kulturlandschaft (PROJEKTGRUPPE RAHMENKONZEPT DER BIOSPHÄRENRESERVATSVERWALTUNGEN 2006: 12).

1 Kulturhistorische Entwicklung der Flusslandschaft Elbe

Prägend für das heutige Relief der Flusslandschaft Elbe sind die Eiszeiten. Spuren älterer Eiszeiten, z.B. der Elstereiszeit vor ca. 350000 Jahren, wurden von weiteren Eiszeiten überprägt. Die Saaleeiszeit vor ca. 230000 Jahren hinterließ eine hügelige Endmoränenlandschaft, die Weichseleiszeit vor ca. 12000 Jahren durch das Abfließen des Schmelzwassers Richtung Nordsee das Elbe-Urstromtal (HOHL 1987). Nach dem Abschmelzen des Eises setzte die Bewaldung ein, anfangs mit Pionierarten wie Birken und Kiefern, später mit Eichen, Ulmen und Rotbuchen.

Erste Spuren menschlicher Tätigkeit im Gebiet stammen aus der mittleren bzw. jüngeren Steinzeit (ca. 8000 v. Chr.). Sie zeugen von der Sesshaftwerdung sowie von Ackerbau und Viehzucht. Um sich vor den Elbe-Hochwässern zu schützen wurden ausschließlich erhöhte Sanddünen besiedelt (SCHULTZE 1956). Nach mehreren Jahrtausenden mit teilweiser Entvölkerung des Gebietes u.a. durch klimatische Veränderungen, begann im 8. Jh. erneut die Besiedlung des Gebietes durch die Slawen (siehe Abb. 1). Die Auenniederungen der Elbe wurden hierbei gemieden und bildeten die Grenze der slawischen Siedlungen zu denen der Deutschen. Es folgten Jahrhunderte mit kriegerischen Auseinandersetzungen, die die Deutschen schließlich im 12. Jh. für sich entschieden. Sie brachten Siedler u.a. aus Holland und Friesland mit, die mit ihrem Fachwissen die Elbe eindeichten und die Niederungen trockenlegten und in Ackerland verwandelten (VEB FORSTPROJEKTIERUNG POTSDAM 1976). Trotz des aufwändigen Deichbaus, für den viel Wald gerodet wurde, änderte sich der Verlauf der Elbe oft. Dörfer verschwanden dadurch und mussten neu aufgebaut werden. Die Landwirtschaft folgte ebenfalls dem Flussverlauf, wobei die Niederungen meist als Weideland und die Hochflächen als Acker genutzt wurden. Wald und andere schützende Vegetation war in der Landschaft nur noch selten vorhanden, wodurch der Boden durch Deflation und Auswaschung immer mehr degradierte. Dies und die im Mittelalter einsetzende Pest hatten zur Folge, dass wieder große Teile der Landschaft entvölkert wurden (VEB FORSTPROJEKTIERUNG POTSDAM 1976). Erst ab ca. 1720 begann man wieder mit der Aufforstung zur Erosionsvermeidung. Auch in der Folge wurde durch die Trennung von Land- und Forstwirtschaft kaum noch Wald gerodet, vielmehr fanden weitere Aufforstungen statt. Mit Beginn des 20. Jh. war deshalb die heutige Wald-Feld-Verteilung größtenteils herausgebildet. (MLUR 2002: 22). Nach dem zweiten Weltkrieg nahm in der DDR die Intensität der landwirtschaftlichen Flächennutzung zu. Die Zusammenlegung von Betrieben zu LPGen, der Einsatz von großen Maschinen und die Spezialisierung der Bewirtschaftung hatten zur Folge, dass in großem Umfang Feldgehölze gerodet, Flussläufe begradigt, Feuchtgebiete trockengelegt, Flussmündungen verlegt und Grün- in Ackerflächen umgewandelt wurden. Waldflächen wurden mit Monokulturen aufgeforstet und gedüngt. Zudem führte die Lage des Gebietes an der innerdeutschen Grenze zu einer teilweisen Entvölkerung ganzer Dörfer. Im Rahmen des Nationalparkprogramms der DDR wurde am 16. März 1990 die Einrichtung des Naturschutzparks Mecklenburgisches Elbtal festgelegt. So sollten großflächige Landschaften geschützt werden (MLUR 2002: 22). Seitdem gab es keine nennenswerten großflächigen Eingriffe in Natur und Landschaft, deshalb soll nun ein kurzer Überblick über die aktuelle naturräumliche Gliederung gegeben werden.

2 Aktuelle naturräumliche Gliederung des BR

Auf Grundlage der naturräumlichen Gliederung nach SCHOLZ (1962) zur Charakterisierung der Landschaftsräume kann im BR eine Abgrenzung von homogenen landschaftsökologischen Raumeinheiten (vgl. Abbildung 1) vorgenommen werden, die sich unter Einbeziehung der geologischen Verhältnisse, der Substrat- und Hydromorphieverhältnisse sowie der aktuellen Flächennutzung ergibt. Im sachsen-anhaltinischen Bereich des BR liegen besonders wertvolle, da artenreiche und weitgehend natürliche Auwaldkomplexe und Überschwemmungsauen. Diese sind auch für den Hochwasserschutz von hoher Bedeutung. Im brandenburgischen durchfließt die Elbe die hier die angrenzenden, eiszeitlich geprägten Geest- und Talsandbereiche der Prignitz. Dieses Gebiet stellt einen Übergang vom wechselfeuchten Elbtal zu den trockenen Geest- und Talsandgebieten der Perleberger Heide dar. Dies spiegelt sich auch in sehr gegensätzlichen Standortbedingungen und Vegetationsformen wider. Im niedersächsischen Teil besteht das BR fast ausschließlich aus der Elbtalniederung. Sie bildet hier eine aktive Stromaue mit sich anschließenden Marschen und Nebenflussniederungen. Im Norden grenzen an das BR Talsande mit teils aufgesetzten Binnendünen und kleinere Altmoränenflächen. Im westlichen Ausläufer des BR befindet sich das geowissenschaftlich wertvolle und landschaftsprägende bewaldete Hochufer des Elbe-Urstromtals zwischen Lauenburg und Geesthacht (PROJEKTGRUPPE RAHMENKONZEPT DER BIOSPHÄRENRESERVATSVERWALTUNGEN 2006: 12).

Das BR „Flusslandschaft Elbe“ wird insgesamt von folgenden Faktoren maßgeblich geprägt:

Die Elbe ist einer der letzten naturnahen Flüsse Mitteleuropas und nach wie vor ein landschaftsgestaltendes Element. Der Flusslauf wird lediglich durch Buhnen stabilisiert. Ständige Sandablagerungen und ein größtenteils unbefestigtes Ufer schaffen spezielle Lebensräume.

Das natürliche Überschwemmungsgebiet mit seinen auentypischen Landschaftselementen ist weitgehend erhalten. Altarme, Überschwemmungsauen und Polder sind großflächig vorhanden und bilden zusammen mit den jahreszeitlich abhängigen Wasserschwankungen einen besonderen Lebensraum.

Im Elbtal mit seinen auentypischen Lebensräumen, den Bracks, Flutrinnen und Altwassern sowie entlang der Nebenflüsse und der Gewässer in der ehemaligen Aue finden sich gewässerabhängige Ökosysteme wie Wasserpflanzengesellschaften, Schlamm- und Uferstaudenfluren, sowie Röhrichte und Feuchtgebüsche in hoher Vielfalt. Zudem wachsen im sachsen-anhaltinischen Teil des BR die größten zusammenhängenden Auwälder Mitteleuropas.

Das spezielle Relief und mit ihm die unterschiedlichen Standortfaktoren führen zu einer besonderen Lebensraumvielfalt auf engem Raum. In der Elbniederung finden sich Stromtalwiesen und -weiden mit ihren charakteristischen Ausprägungen. Auf den höher gelegenen Sanddünen kommen artenreiche Trockenrasen mit hoch spezialisierten Tierarten vor.

Das Elbtal ist Lebensraum und Rastgebiet besonderer Tier- und Pflanzenarten. Hier finden sich über 1.300 Sippen von Gefäßpflanzen sowie 150 Brutvogelarten und 100 Zugvogelarten, viele davon sind gefährdet. Besondere Vegetationstypen (Stromtalarten) treten hier außerhalb ihres eigentlichen Verbreitungsgebietes auf.

Jahrhundertealte Kultur und Nutzung haben im Elbtal ihre Spuren hinterlassen. Die Grünlandwirtschaft ist bis heute in den Elbniederungen vorherrschend, Siedlungen passen sich der Landschaft an und sind eng mit ihr verwoben (PROJEKTGRUPPE RAHMENKONZEPT DER BIOSPHÄRENRESERVATSVERWALTUNGEN 2006: 12).

3 Geschichte des Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“

Der Ursprung des UNESCO-Biosphärenreservates „Flusslandschaft Elbe“ liegt im heutigen Sachsen-Anhalt. Im Jahr 1929 wurden für den Naturschutz wertvolle Bereiche zwischen Aken und Tochheim unter Schutz gestellt. Diese wurden 1979 im ersten deutschen Biosphärenreservat „Steckby-Lödderitzer Forst“ zusammengefasst und von der UNESCO anerkannt. Im Jahr 1988 wurde das Biosphärenreservat um die Gebiete der Dessau-Wörlitzer Kulturlandschaft erweitert. Die Wiedervereinigung Deutschlands schaffte 1990 die Rahmenbedingungen für die Beantragung eines großen Abschnittes der Mittelelbe als Biosphärenreservat „Mittlere Elbe“ unter Einbeziehung weiterer Stromtalbereiche. Das Konzept eines länderübergreifenden Großschutzgebietes führte 1991 zur Einrichtung einer länderübergreifenden Arbeitsgemeinschaft der Ministerien, 1997 folgte die Bildung einer Kommunalen Arbeitsgemeinschaft (KAG) durch sieben der beteiligten 13 Landkreise und zwei kreisfreie Städte. Ebenfalls 1997 erfolgte die Antragstellung und Anerkennung eines länderübergreifenden UNESCO-Biosphärenreservates für die „Flusslandschaft Elbe“ in den Ländern Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein unter Einbeziehung des Biosphärenreservates „Mittlere Elbe“ und des ehemaligen Naturschutzparks „Mecklenburgisches Elbetal“ (PROJEKTGRUPPE RAHMENKONZEPT DER BIOSPHÄRENRESERVATSVERWALTUNGEN 2006: 12). Inwieweit die somit geschaffenen Rahmenbedingungen auch von der Bevölkerung getragen wurden, soll im abschließenden Ausblick und Fazit kurz zusammengefasst werden.

4 Fazit und Ausblick

Das Biosphärenreservat hat als solches den Anspruch, eine Modellregion für das vorbildliche und nachhaltige Zusammenleben von Mensch und Natur zu sein. Der unvermeidbare Konflikt zwischen anthropogenen Eingriffen und natürlicher Entwicklung stellte das BR auch in Zukunft vor große Herausforderungen. Maßnahmen wie Wiedervernässung von Flächen oder Deichrückverlegungen sind z.B. aus naturschutzfachlicher Sicht zwar sinnvoll, doch treffen diese nicht nur auf Akzeptanz in der betroffenen Bevölkerung (TROMMER & STELZIG 2000: 24). Deshalb stellt sich die Frage, wie die Entwicklung der Flusslandschaft hin zu einem BR von der Bevölkerung gesehen wird. Eine Untersuchung zweier Dörfer im BR von STELZIG (2000: 31) zeigt, dass die Hälfte aller Befragten mit dem Begriff BR (zehn Jahre nach der Wiedervereinigung!) nichts anfangen kann. Zudem stehen ein Viertel der Befragten einer möglichen Deichrückverlegung negativ gegenüber. Im Hinblick auf den Fakt, dass auch der Mensch die Landschaft so geformt hat, wie sie sich heute präsentiert, sollte deshalb beachtet werden, dass der Bereich Natur- /Landschaftsschutz nicht zu Lasten der (teilweise historisch gewachsenen) Landschaftsnutzung durchgesetzt wird. Eine erfolgreiche Fortführung des Biosphärenreservates ist nur mit der Bevölkerung und nicht gegen sie möglich.

Literatur

AMT BAD WILSNACK/WEISEN 2005: Gemeinsamer Flächennutzungsplan der Stadt Bad Wilsnack und der Gemeinden Breese, Legde/Quitzöbel, Rühstädt, Weisen Teil 1. Bad Wilsnack, 76 S.

HOHL, R. (Hrsg.) 1987: Die Entwicklungsgeschichte der Erde. 6. Auflage, Werner Dausien Verlag: Hanau 1985, 703 S.

MINISTERIUM FÜR LANDWIRTSCHAFT, UMWELT UND RAUMORDNUNG DES LANDES BRANDENBURG (MLUR) 2002: Landschaftsrahmenplan mit integriertem Rahmenkonzept Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe – Brandenburg Band 1. Potsdam, 187 S.

PROJEKTGRUPPE RAHMENKONZEPT DER BIOSPHÄRENRESERVATSVERWALTUNGEN (Hrsg.) 2006: Rahmenkonzept für das länderübergreifende UNESCO-Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“. Schwerin, 152 S.

SCHOLZ, E. 1962: Die naturräumliche Gliederung Brandenburgs, o.A.

SCHULTZE, J. 1956: Die Prignitz. Aus der Geschichte einer märkischen Landschaft. Mitteldeutsche Forschungen. Band 8, Köln/Graz.

TROMMER, G. & STELZIG, I. (Hrsg.) 2000: Naturbildung und Akzeptanz. Frankfurter Beiträge zur biologischen Bildung 2. Shaker Verlag: Aachen, 162 S.

VEB FORSTPROJEKTIERUNG POTSDAM 1976: Erläuterungen zur Standortskarte des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Perleberg. Schwerin.


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